#1

Rosemaries Geburtstagseinladung um die Welt

in Schreibprojekt zur Internationalen Woche gegen Rassismus, 18.-28.03.2021 07.03.2021 20:11
von Astrid1967 • 35 Beiträge

Wie schafft man interkulturelle Begegnungen in Zeiten von Kontaktsperren und Lockdown? Vor dieser Frage standen auch wir vom Mehrgenerationenhaus der AWO Duisburg und fanden dafür folgende Lösung: Bei einem gemeinsamen Schreibprojekt!

Die Story:
Die pensionierte Lehrerin Rosemarie Schönwald ist der Überzeugung, dass sie mit 86 Jahren sterben wird, wie es schon ihre Mutter und Großmutter taten. Deswegen möchte sie zu ihrem 86. Geburtstag noch einmal alle Verwandten, Freunde und Bekannten sehen. Da sie in vielen Ländern der Welt gelebt und Deutsch unterrichtet hat, sind auch ihre Kontakte dementsprechend über den Erdball verstreut und machen sich aus allen Himmelrichtungen auf den Weg in die Seniorenwohnanlage der AWO Duisburg, in der sie lebt.


Wer möchte, ist herzlich eingeladen, sich eine Figur auszudenken und zu schildern, wie diese die Einladung erhält, in welcher Beziehung sie zu der ehemaligen Lehrerin steht und von der Reise nach Deutschland. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Reisenden an bestimmten Knotenpunkten begegnen und sich ihre Geschichten miteinander verknüpfen. So entsteht am Ende eine gemeinsame Geschichte, obwohl jede*r für sich schreibt.
Gehen Sie einfach auf "antworten" um Ihre Geschichte im Forum zu veröffentlichen.


Gerne können ausländische Teilnehmer*innen die Erzählung auch dazu nutzen, uns Deutschen ihr Heimatland näher zu bringen, indem sie in Verbindung mit dem Erhalt der Einladung und dem Aufbruch zur Reise nach Deutschland den dortigen Alltag schildern.

Auf Wunsch können uns Teilnehmer*innen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, ihren Text vorab zum Korrekturlesen zusenden.

Wir freuen uns auf Euch und Eure Geschichten!

Stefanie, Rosa und Astrid


Leben und leben lassen

Live and let live

zuletzt bearbeitet 07.03.2021 20:11 | nach oben springen

#2

RE: Rosemaries Geburtstagseinladung um die Welt

in Schreibprojekt zur Internationalen Woche gegen Rassismus, 18.-28.03.2021 18.03.2021 18:35
von Rieke • 11 Beiträge

guten tag miteinander!

ich habe vor kurzem eine art "Road movie" geschrieben, das sehr schön sowohl zur woche gegen den rassismus als auch zu rosemaries geburtstagseinladung passt. mein beitrag ist ein wenig lang. ich hoffe, er sprengt nicht den rahmen.

herzliche grüße,
rieke

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#3

RE: Rosemaries Geburtstagseinladung um die Welt

in Schreibprojekt zur Internationalen Woche gegen Rassismus, 18.-28.03.2021 18.03.2021 19:51
von Rieke • 11 Beiträge

Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten - neu erzählt


von Rieke








gewidmet
den Menschen
in Lampedusa
vor und hinter dem Zaun















1
„Komm her, Esel,“ rief der Chef. Esel stellte den Besen weg und ging zum Chef. „Du hast deine Arbeit gemacht, du kennst gehen“, sagte der Chef. „Ist klar, Chef! Dann komme ich morgen wieder“, antwortete Esel. Der Chef winkte ärgerlich ab. ,„Du brauchst überhaupt nicht mehr wieder kommen, ich kann dich nicht mehr gebrauchen. Du bist zu alt für diesen Job.“ „Dann gib mir einen anderen Job“, forderte der Esel. „Nein, nein“, wies ihn der Chef ungeduldig ab, „du bist überflüssig geworden und störst nur noch den Betriebsablauf.“ Er griff in die Tasche, zog noch ein paar Geldscheine heraus, die er Esel in die Hand drückte. „Man ist ja kein Unmensch“, rief er Esel hinterher.

In seiner Wohnung setzte Esel sich auf den Stuhl und dachte heftig nach. Das Nachdenken fiel ihm schwer. Er war nicht geübt darin. „Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet, und es ist in Ordnung so“, kam ihm in den Sinn. Er wusste noch jede Baustelle und jeden Arbeitsplatz, wo er jemals sein Brot verdient hatte. Ja, selbst einzelne Handgriffe waren ihm noch geläufig. An seine Arbeitskollegen erinnerte er sich nicht mehr. Sie waren ihm auch egal. Beim großen Generalstreik war er nicht dabei; er hatte einfach weitergearbeitet. Seitdem wurde er von den anderen Arbeitern geschnitten. Von den Firmeninhabern bekam er mit der Zeit immer weniger zu tun. Er, Esel, der jahrzehntelang die dreckigsten, gefährlichsten, schwersten Arbeiten erledigt hatte, war überflüssig geworden! Und jetzt hatte ihn auch der letzte Boss, der ihn noch hatte die Werkstatt fegen lassen, rausgeschmissen.

„Ich bin doch auch ein Teil dieser Welt und gehöre dazu! Nun falle ich aus dieser Welt heraus“, dachte er. „Wo gehöre ich hin? Wo bin ich zu Hause?“ Als er so weit gedacht hatte, sah er sich in seiner Wohnung um. In allen Dingen – vom Stuhl, auf dem er saß, bis zum Hemd, das er trug – steckten auch seine Arbeit und sein Leben. „Wofür lebe ich überhaupt?“ dachte er. Alle diese Dinge hatten ihre Bedeutung verloren. Es war gut so, wie es gewesen war, und nun war es zu Ende. Aber nur auf den Gevatter Tod zu warten erschien ihm zu billig. Er wollte einmal, einmal noch ein anderes Leben kennen lernen. Und er stand auf, nahm seine Jacke und ging aus dem Haus, ohne die Tür zu schließen und sich noch einmal umzudrehen.


2
Katze strich über ihren anschwellenden Bauch. Da drinnen wuchs etwas auf, das von ihr selbst war. Das war schon spannend und aufregend, und gleichzeitig machte ihr das Unbekannte Angst. Katze hatte eine Sporttasche genommen und mit den Dingen gefüllt, die ihr wichtig waren und auf die sie keinesfalls verzichten wollte: einen Teddybären, den sie als Kissen nutzen konnte, ein paar Schokoladenriegel, einen Strampelanzug und ein paar Windeln, ihr persönliches Album mit einem verknitterten Foto eines jungen Mannes, der wahrscheinlich der Vater dieses Etwas in ihrem Bauch war. Aber so genau wusste sie es nicht.

Sie stieß an eine Flasche, die auf dem Boden gelegen hatte. Klirrend rollte sie über den Fußboden und schepperte gegen anderen Wohnmüll. „Gib mir die Flasche wieder! Sofort!“ lallte die Mutter und versuchte aufzustehen. Aber sie knickte in den Knien ein und sackte zurück auf das Sofa. „Verdammtes Gör, gib mir die Flasche her!“ Aber Katze schüttete den Rest der Flasche in den Abfluss des Küchenbeckens. Die Mutter heulte auf und versuchte vergeblich, nach einer weiteren Fuselflasche zu greifen. „Ich verfluche den Tag, an dem du gezeugt, und den, an dem du geboren wurdest!“ giftete sie. Katze stand in der Tür und schrie die Mutter an: „Deine Sauferei kotzt mich an!. Du schaffst es nicht mal, Essen für uns zu machen.“ Die Mutter fuhr zurück. Die Stimmung der Mutter kippte. „Komm in meine Arme, Kätzchen. Wenn dein Kind erst da ist, werde ich für euch beiden kochen. Versprochen! Hoch und heilig!“ „Mein Kind wirst du nie zu Gesicht bekommen! Ich haue ab und will dich nie, nie, nie mehr wiedersehen! Das schwöre ich bei Allem, was mir heilig ist!“ Nun gab es nicht wirklich viel, das Katze heilig war, und so gab es eine kleine, klitzekleine Chance, dass Mutter und Tochter sich doch noch einmal wiedersehen würden; vielleicht im Jugendamt, wo man über das Sorgerecht für die schwangere, noch Minderjährige befinden wird.

Katze fühlte sich von allen Seiten bedrängt. Die Schule machte Druck, weil sie nicht mehr in den Unterricht ging und schwänzte, das Jugendamt hatte sich bereits nach Pflegeeltern umgeschaut und die Ärztin hatte versucht, Katze zu einer Abtreibung zu gewinnen. Katze wollte nur weg. Sie nahm den schönen warmen Mantel, den sie in einer Kneipe vom Haken genommen hatte, während der Mantelbesitzer mit Freunden feierte, stopfte ihn in ihre bereits vorgepackte Tasche mit den wichtigsten Utensilien und hastete aus dem Haus. Noch draußen vor dem Haus hörte sie die Mutter nach ihr rufen. Aber Katze war nicht mehr aufzuhalten. Sie war auf ihrem eigenen Weg.


3
Hahn war ein Tausendsassa und Alleskönner. Mit seinen geschmeidigen Fingern jonglierte er auf Volksfesten sechs Bälle gleichzeitig und erforschte gelegentlich auch den Inhalt der Hosentaschen leichtfertiger Gäste. Er war gern gesehener Entertainer auf Veranstaltungen aller Arten; sein Künstlername „Bruder Leichtfuß“ war Programm. Hahn balancierte nicht nur auf Seilen, sondern auch auf der nicht immer eindeutigen Grenze zwischen Recht und Unrecht. Er war in verschiedene krumme Geschäfte verwickelt gewesen und einige Ganoven hatten Hahn bereits ins Auge gefasst und ihm das Nasenbein gebrochen.. Er fühlte sich aus gewichtigen Gründen beobachtet, observiert und kontrolliert. Es wurde Zeit, dass Hahn für eine Weile abtauchte und verschwand. Ein Ortswechsel würde ihm gut tun.

Hahn stieg in ein Auto, dessen Eigentümer es offensichtlich nicht benötigte, schloss das Startkabel kurz und fuhr los. Der Tank war fast voll. Es war Nacht; er fuhr unbeobachtet los, lenkte sein Fahrzeug Richtung Autobahn und wollte möglichst viele Kilometer Abstand zu seinen Bedrängern gewinnen. Er hoffte, dass mögliche Verfolger ihn noch am Orte wähnten.

Als er im Morgengrauen die Autobahn verließ, sah er im Scheinwerferlicht ein menschliches Bündel am Straßenrand hocken. Spontan fuhr er auf die Standspur, setzte zurück und stieg aus. Das Bündel war ein völlig erschöpftes Mädchen, in einen Mantel gehüllt und auf einer großen Sporttasche hockend. „Kind, was machst du denn in dieser unwirtlichen Gegend?“ entfuhr es Hahn. „Mein Gott, das Kind ist schwanger! Komm auf!“ So müde und erschöpft das Mädchen auch war, so wehrte es sich doch gegen die Berührung. „Fass mich nicht an!“ zischte es und biss ihn in die Hand. „Aua!“ rief Hahn, „sei doch vernünftig, du kannst doch hier in der Gosse nicht liegen bleiben.“ Er nahm das Mädchen kurzerhand hoch, manövrierte es auf den Beifahrersitz und warf ihre Tasche auf die Rückbank. Das Mädchen ließ es geschehen.
Als Hahn den Wagen zurück auf die Fahrbahn lenkte, war es wieder in einen tiefen Erschöpfungsschlaf gefallen.
Hahn kannte sich in dieser Gegend gut aus. Hier war er aufgewachsen und kannte gewissermaßen jeden Grashalm persönlich. Nicht grundlos hatte er an dieser Ausfahrt die Autobahn verlassen. Er steuerte das Auto über einsame Sträßchen und Feldwege immer weiter fort in eine menschenleere Wildnis. An einem verschwiegenen Ort stellte er das Auto ab. Hahn war nach der anstrengenden Nachtfahrt übermüdet, aber er zwang sich, die neue Situation zu überdenken, während das Mädchen auf dem Beifahrersitz noch immer schlief.

Zunächst inspizierte er ihre Habseligkeiten und wurde sich bald klar, dass die junge Frau von zu Hause abgehauen war. Hahn war zwar ein Luftikus, aber er glaubte das Mädchen zu verstehen. Er konnte sich sehr gut ausmalen, welche Schwierigkeiten auf das Kind mit einem Kind im Bauch zukamen. Er konnte es nicht einfach sich selbst überlassen. Nachdem er sich entschieden hatte, dem Kind zu helfen, dachte er über die notwendigen nächsten Schritte nach. Das war nicht einfach, denn plötzlich musste er für zwei Menschen planen.

4
Katze erwachte und schreckte hoch. Wo war sie? Wie kam sie in dieses Auto? Wer hatte sie hierhin entführt? Als sie mit steifen Gliedern aus dem Wagen stieg, entdeckte sie im Gras einen schlafenden Unbekannten. Langsam kamen ihre Erinnerungen wieder; vage tauchten in ihrem Kopf einzelne Bilder auf. Sie war in ein Auto gestiegen… der Fahrer hatte sie bedrängt und wollte ihr an die Wäsche… sie zerkratzte ihm das Gesicht… der Mann warf sie wie einen Wäschesack aus dem Fahrzeug und jagte mit Vollgas davon… andere Autos brausten vorbei, einige Fahrer hupten… jemand hob sie auf… An mehr erinnerte sie sich nicht. Der Schlafende musste ihr Retter sein. Aber was wollte er mit ihr in dieser Ödnis? Das Misstrauen sprang sie wieder an.

Katze holte ihre Tasche aus dem Auto und wollte sich aus dem Staub machen. Hahn hörte die Autotür klacken und erwachte. „Wohin des Wegs, Kleines? Hast du Angst vor dem großen bösen Wolf?“ sprach er sie lachend an. Das Mädchen wandte sich ab. „Lass mich in Ruhe, Alter!“ fauchte sie ihn an. „Ist es möglich! Da ziehst du allein mit deinem Kind im Bauch mit einer schweren Tasche durch diese einsame Landschaft!“ Hahn erhob sich und fischte von der Rückbank des Autos ein paar belegte Brote, die er sich als Proviant mitgenommen hatte. Katze konnte nicht widerstehen und biss herzhaft in die angebotene Schnitte.

„Ich weiß, dass du ausgebüxt bist. Du kannst mich eine Weile begleiten, denn auch ich will im Moment nicht gesehen werden. Komm mit mir“, sagte er. Katze spürte die Ernsthaftigkeit dieses Angebots, nickte und wollte ins Auto einsteigen. „Nein,“ sagte Hahn, „wir lassen das Auto stehen und laufen. Ich möchte, wenn das Auto gefunden wird, woanders sein.“

Katze sah sich unschlüssig um. „Deine Tasche musst du schon selbst tragen, dafür bist du verantwortlich“, sagte Hahn entschieden. Er hatte Mitleid mit dem jungen Mädchen, das in seiner Naivität offensichtlich jedes Gespür für gefährliche Situationen verloren hatte. Aber er wollte ihr nichts abnehmen, was in ihrer eigenen Verantwortung lag. „Heute werden wir unter freiem Himmel übernachten müssen, und welche Schlafplätze wir in den folgenden Nächten finden werden, das soll uns jetzt noch kein Kopfzerbrechen bereiten.“ Er erhob sich und sagte: „In der Nähe liegt ein ruhiger und verborgener Rastplatz unter einem großen Baum. Den hatte ich in früheren Zeiten hin und wieder benutzt.“

Wie sie aber beim Baum ankamen, lag dort bereits jemand. Ein alter grauer Mann hatte es sich an diesem idealen Lager breitgemacht. Nun ja, ideal wäre der Ort gewesen ohne diesen Alten. Hahn überlegte kurz, ob er es auf ein Kräftemessen ankommen lassen und den alten Mann verjagen sollte. Aber er wollte kein Aufsehen erregen und der Hochschwangeren keine Angst einjagen. Katze war müde geworden und ließ sich auf den Boden sinken. Sie schlief ein und spürte es nicht, wie Hahn ihren Mantel über sie ausbreitete.

Esel, der gleichmütig die Ankunft dieses seltsamen Pärchens beobachtet hatte, begann etwas vom herumliegenden Totholz aufzusammeln, und hob eine kleine Feuerstelle aus. Hahn entzündete das von Esel aufgeschichtete Holz. Nach einigen Minuten flackerte ein kleines Feuer auf. Esel und Hahn hatte bis jetzt noch kein Wort gewechselt. Nun, da beide nebeneinander am Feuer saßen, begann der Hahn: „Sag, Graukopf, was machst du hier in dieser einsamen und gottverlassenen Gegend?“ Esel antwortete kurz und knapp: „Ich bin arbeitslos.“ Mit dem Kinn wies er zur schlafenden Katze. „Und du? Bist du mit deiner …Tochter … unterwegs?“ „Ja“, nickte Hahn noch kürzer. „Mir kannst du viel erzählen“, dachte Esel bei sich, „i2ch werde ein Auge auf euch beiden werfen. Das Mädchen braucht einen zuverlässigen Beschützer, nicht so einen Gecken!“ Esel legte sich ins Gras. Hahn wendete sich ab. „Ein Langweiler“, urteilte Hahn, „naja, vielleicht wird der Alte noch nützlich werden.“ Und mit diesem Gedanken schlief er ein.


5
Hund war vom Wege abgekommen. Sein Navigationssystem hatte ihn in die Irre geführ7 und er hatte eine sehr unruhige und unbequeme Nacht verbracht. Beim ersten Morgengrauen rollte er seine Isoliermatte zusammen, wuchtete seinen schweren Rucksack auf den Rücken und versuchte, seinen Weg wiederzufinden. Er war überrascht, dass es offensichtlich in diesem Land doch noch einsame Wildnis gab. Wie er aber eine Brombeerhecke überwunden hatte, meinte er, Stimmen zu hören. Er stolperte in diese Richtung und fand eine liebliche, verwunschene Lichtung. Ein Mädchen, ein alter und ein junger Mann waren gerade aus dem Schlaf erwacht und sahen ihn erstaunt an.

„Guten Morgen, mein Name ist Hund“, grüßte er freundlich und ließ den Rucksack von den Schultern rutschen. „Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?“ Hahn hatte sein Verblüffen über diese unerwartete Begegnung am schnellsten überwunden und antwortete schlagfertig mit einer einladenden Geste: „Aber gern, leider mangelt es uns an Kaffeebohnen.“ „Dem kann abgeholfen werden“, sagte Hund lässig und angelte aus seinem Rucksack einen kleinen Gaskocher, einen Aluminiumtopf und ein Döschen Kaffeepulver heraus. „Wenn ich die junge Dame bitten darf, aus dem Bach Wasser in den Topf zu geben?“ „Leck‘ mich, Alter!“ rief Katze, erhob sich schwerfällig und verschwand im Dickicht.

Esel übernahm den Topf und füllte ihn mit Bachwasser, Hahn zündete den Gaskocher an und Hund füllte das Kaffeepulver ab. „Ich habe leider nur einen Becher“, sagte Hund bedauernd, „wir werden improvisieren müssen.“ Bald zog ein aromatischer Duft frisch aufgegossenen Kaffees durch das Gehölz. „Mich erinnert es an Zelttouren, dir ich in meiner Jugend unternommen hatte“, sagte Esel. Er badete in lange verschütteten Erinnerungen. „Ich war mit einer Jugendgruppe regelmäßig mit Zelten unterwegs, das war so schön gewesen…,“ erzählte Esel. Erschreckt hielt er inne. So viel hatte er, soweit er zurückdenken konnte, noch nie von sich preisgegeben. Er hatte völlig vergessen, dass er tatsächlich einmal ganz anders gelebt hatte. Wie konnte er nur seine eigene Vergangenheit so völlig vergessen? Wie auch immer, Esel fühlte sich ungewöhnlich wohl.

Da kam auch Katze wieder und setzte sich wie selbstverständlich zu den drei Männern. Irgendwie und irgendwoher hatte sie eine volle Colaflasche organisiert. „Wohin gehen wir eigentlich?“ fragte sie in die Runde. Hund griff die Frage gern auf. „Ich bin auf dem Weg nach Santiago de Compostela.“ „Was’n das?“ fragte Katze verständnislos. „Kenne ich auch nicht“, schloss sich Esel an. „Ich bin auf einer Pilgerreise. Mir ist der Sinn meiner Arbeit abhanden gekommen“, begann Hund. „Wie kann man eine Arbeit verlieren?“ fragte Katze verständnislos dazwischen. „Hätteste mal besser drauf aufgepasst, Alter!“ Und Esel warf ein: „Mir ist nicht der Sinn, sondern die Arbeit selbst abhanden gekommen, das finde ich noch schlimmer!“ Aber Hund ließ sich nicht ablenken. Seine Lebensgeschichte wollte erzählt werden.



„Ich verkaufe Lebensversicherungen. Wer sein Leben absichern will, kann bei mir eine Risiko- oder eine Kapitalversicherung abschließen.“ Wieder fiel Katze dem Versicherer ins Wort: „Was ist das schon wieder für’n Quatsch! Erst erzählt er uns was von Santi , Abo und Kompost, jetzt von Versicherungen, Risiko und Kapitel. Das ist ja Schule hier, krass!“ Aber Hund war in seinem Element. „Ich erkläre es jetzt mal gaaanz einfach: Die Kunden geben mir Geld zum Aufbewahren und ich berechne, wie viel Geld von dem, was die Kunden mir geben, sie in dreißig oder vierzig Jahren zurück bekommen werden.“ „Na, ist doch klar, ich würd’ mir mein ganzes Geld wiederholen, wenn ich es brauche. Jeden einzelnen Cent!“ „Wirst du aber nicht bekommen“, sagte Hund süffisant. „ich halte von dem Geld die Aufwendungen, die ich zur Verwahrung des Geldes habe, ab. Außerdem verleihe ich dein Geld an Leute, die es dringend brauchen und kassiere dafür Zinsen.“ „Das ist ja Betrug“, empörte sich Hahn, obwohl er oft genug auch schon Menschen übers Ohr gehauen hatte. „Das sehe ich auch so“, nickte Hund zufrieden, „deshalb bin ich auf meiner Pilgerreise. Ich will mit mir selbst ins Reine kommen und neue, andere Aufgaben anfassen. Und wohin gehen Sie?“ Die drei Anderen sahen sich an. „Nach … Bremen…“, sagte Hahn schließlich. „Ja, nach Bremen!“ „Das liegt ja auf dem Weg“, meinte Esel, „dann können wir ja ein Stück des Weges gemeinsam gehen.“


6
Sie packten ihre Habseligkeiten. Die Morgensonne strahlte auf sie hinab. Es war angenehm warm und nicht zu heiß. Sie brachen auf und machten sich gemeinsam auf ihren Weg. Hahn und Hund stritten über die richtige Reiseroute, Esel war es egal, solange es nur weiterging. Katze genoss es, von den drei Mitwanderern umsorgt zu werden. So liefen sie und liefen. Wenn sie Hunger hatten, aßen sie von dem, was Natur und Land hergaben. Abends schlug Hund sein kleines Zelt auf. Esel legte sich nieder, wo er gerade war. Er war nicht sehr anspruchsvoll und gewöhnt, auf dem nackten Erdboden zu schlafen. Er hatte auf Baustellen schon auf blanken Holzbohlen genächtigt. Katze suchte sich ein Moospolster und ließ sich von Hahn mit ihrem Mantel bedecken. Hahn wachte über ihren Schlaf, bis auch ihn die Müdigkeit einlullte. Es war Sommer…

An einem dieser ruhigen Abende an einem kleinen Feuer fragte Katze: „Sagen Sie mal, Herr Hund, wie funktioniert eigentlich so eine Lebensversicherung? Wie kann jemand sein Leben versichern? Ist er dann unsterblich?“ Hund war überrascht und erfreut, dass sich ein Mensch für das interessierte, was sein Lebensinhalt gewesen war. „Also“, begann Hund und rückte sich am Feuer zurecht, „du bekommst doch dein Baby. Was hältst du davon, deinem Baby 100.000 Euro zu hinterlassen?“ „Na, das wäre echt klasse. Aber wo soll ich so viel Geld zusammenbekommen?“ „Du brauchst mir nur jeden Monat fünf Euro geben, und schon bist du im Spiel. Ich garantiere deinem Kind die 100.000 Euro und du setzt dein eigenes Leben dagegen“, erklärte Hund. „Wenn du stirbst, dann bekommt dein Kind 100.000 Euro. Das ist doch ein schönes Geld für den Anfang, nicht wahr?“ „Wo kommt das Geld denn her? So viel Geld bekomme ich doch in meinem Leben nicht in die Finger!“ „Du bekommst ja gar nichts davon“, sagte Hund ungeduldig, du bezahlst doch mit deinem Leben dafür. Es ist ein Spiel: Geld gegen Leben…“ Katze schwieg, sie fühlte sich wie von einer Dampfwalze überrollt. Hahn jonglierte vier Äpfel, die sie unterwegs aufgelesen hatten; er war stinksauer. Esel sah ihnen gleichmütig zu.

Nach einer Weile fragte Katze zögernd: „Wenn ich mein Leben versichere, muss ich sterben, damit mein Baby gut leben kann…?“ Dann wurde ihre Stimme kräftiger und entschiedener. „Das will ich nicht! Ich will mit meinem Kind zusammen sein, egal was es kostet. Ich will sehen, wie es wächst und stark wird, stärker als ich es bin. Ich will leben!“ Hahn jonglierte acht Bälle und war sehr zufrieden.

Eines Tages änderte sich das Wetter. Wolken verhüllten die Sonne und von Zeit zu Zeit zwang ein Regenschauer sie zu Wanderpausen. Was mit großem Optimismus begonnen hatte, wurde unschön. Wo lag nur dieses Bremen? Hahn und Hund lagen sich ständig in den Haaren, welchen Weg sie denn nun nehmen müssten. Während Hahn sie auf verschwiegenen Pfaden führte, versuchte Hund vergeblich, Bremen mittels seines GPS-Systems zu orten. Dazu begann Katze zu jammern und fragte ungezählte Male: „Wann sind wir da? Wie lange dauert es noch?“ Es war zum Haare ausreißen!


7
Tatsächlich hatte keiner der drei Männer Erfahrungen mit Frauen, schon gar nicht mit schwangeren. Und die schwangere Katze war selbst noch ein Kind. Es war jedenfalls unverkennbar, dass das Mädchen nicht mehr lange durchhalten würde. Als einer ihrer Trampelpfade sie auf einen riesigen Parkplatz mit einem Baumarkt führte, kamen sie überein, zwei Bollerwagen zu kaufen. Hund ließ es sich nicht nehmen, sie zu bezahlen. Die anderen waren es zufrieden. In dem ersten Bollerwagen setzte sich Katze auf ihre Sporttasche und ließ sich von Hahn ziehen. „Das nächste Mädchen, dem ich im Wald begegnen werde, lass ich sitzen“, fluchte er in sich hinein. „Wie bin ich nur in diese Geschichte hineingeraten?“ Er fühlte sich verantwortlich für das Kind und für das Kind im Kind. Den zweiten Bollerwagen beluden sie mit Hunds riesenhaftem Rucksack; den musste Hund selbst ziehen. Esel wurde vom Ziehen befreit. Seine Kräfte ließen nach. „Vielleicht bin ich tatsächlich nicht mehr arbeitsfähig“, brummelte er vor sich hin.

Mit den beiden Bollerwagen war es nicht möglich, unbemerkt zu bleiben. Wo immer sie auftauchten, gab es ein Aufsehen. „Seid ihr vom Zirkus?“ wurden sie gefragt. „Guckt mal! Zigeuner in der Stadt!“ Hahn begriff schnell, dass Öffentlichkeit auch ein Schutz sein konnte. Auf den Marktplätzen jonglierte und zauberte er vor den Leuten. Dadurch wurde er regional prominent. Wenn ihm jemand an die Wäsche wollte, so würde dies in aller Öffentlichkeit unter den Augen der Obrigkeit geschehen. Das würden seine Widersacher nicht riskieren. Vor den Ganoven, mit denen er sich angelegt hatte, fühlte er sich nun sicher.

Was aber, wenn die Polizei die Papiere der Reisenden sehen wollte! Müsste Katze dann in ein Heim? Und das Kind ganz allein bekommen? Würde Hahn sich wegen Kindesentführung rechtfertigen müssen? Könnte der alte und mittellose Esel alleine überleben? Und würde Hund ohne Begleitung sein Santiago de Compostela finden?


Da war aber Hund in seinem Element! Zeitlebens war er mit persönlichen Daten, Geburtsurkunden und Existenznachweisen beschäftigt gewesen. Er wusste, was zu tun war. Hund holte einen Laptop aus seinem Rucksack und begab sich ins Internet. Nach einer Stunde oder zweien aktivierte er seinen Reisedrucker, gab die notwendigen Befehle ein und präsentierte bald einen nagelneuen Personalausweis für Katze – mit neuem Namen, neuer Adresse, neuem Lichtbild und neuen Geburtsdaten. Aus dem Mädchen Katze war die volljährige Frau Mimi von Kratz geworden. Die drei Männer waren zufrieden. „Damit könnte Katze jede Personenkontrolle bestehen“, behauptete Hund. Und Hahn erklärte, dass, wiewohl das unautorisierte Herstellen von gefälschten Personalausweisen eine Straftat sei, im vorliegenden Fall jedoch als minderes Rechtsgut gegenüber dem konkurrierenden Grundrecht auf persönliche Selbstbestimmung zu bewerten ist und deshalb das eigenmächtige Herstellen von Dokumenten in gewissen Fällen wie diesem straffrei zu bleiben habe. Außerdem brauche Katze neue Papiere; sie hatte ihren Schülerausweis verloren.


8
Schließlich entschied das Quartett, den kürzesten und bequemsten Weg nach Bremen zu nehmen. Die seltsame Karawane durcheilte Städte und Dörfer. In jeder Ortschaft wurden sie angegafft. Manchmal wurden sie freundlich gegrüßt. Manchmal wurden sie weggejagt. Nicht überall waren hier Fremde gern gesehen. „Zigeunerpack!“ wurden sie beschimpft und: „Haut ab! Geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid!“ Als sie am Abend durch eine dieser Ortschaften zogen, hatten die Einwohner ihre Türen und Fenster bereits zur guten Nacht verriegelt. Aus dem Gasthof, wo sie um Zimmer fragen wollten, kam das Lachen der Zecher bereits im Chor und im Gleichschritt. Es war die Zeit, in der Progrome entstehen.

Den Vieren wurde das Herz kalt. Wo könnten sie hier ihr Nachtlager aufschlagen? Da kam eine Frau auf sie zu. Sie nahm Katze in den Arm und sagte: „Junge Frau, heute Nacht wird es regnerisch und kalt. Suchen Sie eine trockene und warme Unterkunft.“ „Das ist leicht gesagt“, antwortete Katze, „wo finden wir eine Herberge?“ „Nehmen Sie an der folgenden Kreuzung den Weg links in den Wald. Dort stoßen Sie auf ein altes Kloster, in dem noch zwei Mönche leben. Klopfen Sie an und Ihnen wird Asyl gewährt. Zum Mindesten für eine Nacht…“ Und schon war die Frau verschwunden.

Das Quartett besprach sich. Es hatte aber niemand eine bessere Lösung, und so folgten sie dem mysteriösen Hinweis der Frau. Der Weg schien mehrmals zu verschwinden, und gerade als sie umkehren wollten, entdeckte Esel eine zerfallene Mauer. Dahinter erkannten sie das Ensemble der Klostergebäude und in der Mauer ein kleines Tor. Esel zog an einer altertümlichen Türglocke. Die Glocke bimmelte zum Erbarmen. Eine längere Weile passierte nichts. Schließlich öffnete sich neben dem Tor ein kleines Fenster. Ein Kuttenträger fragte mürrisch nach ihrem Begehr. Er musterte die Gruppe eingehend, und erst nach dem nachdrücklichen Hinweis auf die Schwangere öffnete der Mönch das Tor. Bevor er hinter den Reisenden das Tor wieder sorgfältig verschloss, sicherte er sich nach allen Seiten ab.

Im Innenhof erwartete sie ein weiterer Mönch und begrüßte sie recht zurückhaltend: „Ich bin Bruder Gaul und dies ist Bruder Rind. Sie wollen hier übernachten. Das ist möglich. Ich zeige Ihnen Ihre Unterkunft. Danach erwarten wir Sie in der Küche.“ Damit wandte er sich ab und folgte seinem Bruder. Die Vier fühlten sich nicht willkommen. Sie waren Eindringlinge. Was war hier geschehen? In gedrückter Stimmung richteten sie sich in den ihnen zugewiesenen Schlafplätzen ein. Tatsächlich gab es im Hauptgebäude für jeden der Vier eine Zelle – nicht überwältigend aber hinreichend. Die Reisenden hatten schon schlechter genächtigt. Schweigend trugen sie ihr Gepäck in die ihnen zugewiesenen Zellen. Die erste Aufgabe ihres Abendprogramms war erledigt. Nun war es Zeit, an das Abendessen zu denken.

Immer noch schweigend begaben sich die Reisenden in den Speisesaal. Dort waren die beiden Mönche beschäftigt, Geschirr, Bestecke und Brot aufzutischen. Bei dem Geschepper der Teller und Gabeln überhörten die Mönche die vier Wanderer. „Und kein Wort über uns“, hörten die Ankömmlinge noch, bevor die beiden Gastgeber ihr Zwiegespräch abbrachen. Das Tischgespräch, das zunächst sehr einsilbig und stockend begann, nahm an Fahrt auf und wurde lebhafter, wozu auch der Wein beitrug, den Hahn noch eben eingekauft hatte. Hahn wusste schon, womit man einen altgedienten Kuttenträger erfreuen konnte…


9
Da läutete die Glocke am Klostertor wieder. „Nanu, so viel Besuch an einem Abend“, meinte Bruder Rind und stand auf. Zurück kam er in Begleitung einer Frau, die die Reisenden heute bereits einmal gesehen hatten. „Ich bin Frau Ziege“, stellte sich der neue Gast vor. „Ich bin Hebamme und will einmal nach dem Befinden der jungen Frau sehen.“ Katze war’s recht, die Männergespräche langweilten und ermüdeten sie sehr. Die beiden Frauen gingen zusammen in die Zelle, die die Mönche Katze zugewiesen hatten. Die Zelle war schmucklos, kalt und kahl. Katze fühlte sich plötzlich schrecklich einsam, verlassen und müde. Sie sehnte sich nach Hause. Sie schluchzte, und bald brachen die Tränen heraus. Der Weinkrampf schüttelte sie durch. „Ich will nicht mehr weiter, ich will heim!“ rief sie und presste ihren Teddy an sich. „Mama, wo ist du?“

Ziege, die Hebamme, nahm sie wärmend in den Arm und sang ihr leise beruhigende Kindermelodien vor. Ziege überdachte, was Katze zu erwarten hatte. Sie traute den drei Begleitern nicht zu, wirklich die Schwangere zu stützen. Und den beiden Mönchen traute sie noch weniger zu. Die junge Frau war noch selbst ein Kind und trug doch mit dem neuen Leben in ihrem Bauch eine zu große Verantwortung. Ziege seufzte. Sie fühlte sich verpflichtet, dem Mädchen beizustehen.

Nach einer Weile hatte Katze sich wieder gefasst und Frau Ziege konnte das Mädchen untersuchen. „Du hast eine robuste Natur“, sagte sie, „dem Baby haben die Anstrengungen der Wanderung nicht geschadet. Aber du stehst kurz vor der Geburt. Dein Baby hatt sich schon gedreht und ich konnte schon leichte Wehen erspüren. In den nächsten Tagen wird es so weit sein.“ „ Wird das sehr weh tun?“ fragte Katze. „Nun, ein Spaziergang wird es nicht, aber bisher haben alle Mütter es geschafft. Aber sag‘, wer von den drei Herren ist denn der Vater deines Kindes?“ Da lachte Katze: „Ich habe keinen der alten Säcke über mich rutschen lassen. Es ist wohl von einem der Freunde in meiner Clique; aber ich weiß nicht genau, von wem das Kind ist. Ist mir aber auch egal, es ist mein Kind und niemandes anderen sonst!“ „Wo willst du denn hin?“ Katze zuckte mit den Schultern. „Vielleicht erst mal nach Bremen… Weiß nicht…“ „Bis zur Geburt wirst du auf jeden Fall hier bleiben müssen. Dann sehen wir weiter“, fasste Ziege zusammen.

Ziege half Katze aufzustehen. Sie hakte sich bei der Hebamme unter und ließ sich von ihr in den ziemlich verwilderten Klostergarten begleiten. „Ich glaube, ich koche mir morgen früh einen Tee mit Salbei und Kamille“, überlegte Katze. Sie pflückte ein Blatt von einem Zweig, der über den Weg wucherte, zerrieb es und roch daran. „Hm, Minze!“ stellte sie fest. Ziege war verblüfft. „Ziemlich viel Giersch; das Zeug wächst wie der Teufel. Daraus kann ich Morgen einen Salat machen.“ Das Mädchen offenbarte erstaunliche Kenntnisse über Kräuter! Ziege versuchte zu ergründen, woher Katze dieses Wissen besaß. Aber Katze konnte nicht erklären, woher und von wem sie es hatte. Sie wusste es einfach und konnte sich nicht vorstellen, dass jemand sonst dieses Wissen nicht besaß.


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Im Speisesaal saß Esel neben dem Bruder Gaul. Das erste, was ihm an seinem Banknachbarn auffiel, waren seine Hände. Sie waren sehnig und schlank und zeugten von harter Arbeit. Blaue Venenbänder bildeten eigenartig schöne Muster. Aus seinem kahlen Schädel leuchteten zwei große dunkle Augen wie zwei Edelsteine. Um den Mund lag ein Zug großen erlittenen Schmerzes. Esel war innerlich aufgewühlt und konnte seinen Blick nicht von Gaul lassen. So etwas hatte er noch nie gespürt. Als Gaul seine Hand zufällig – oder war es doch kein Zufall? – neben Esels Hand legte, berührte er sie ganz leicht. Esel folgte einem Impuls und strich kurz über Gauls Hand. Nun lagen beide Hände, Gauls rechte und Esels linke, nebeneinander, beide geprägt von jahrzehntelanger körperlicher Arbeit, und Esel fand sie wunderschön. Gaul bedachte ihn mit einem kleinen Lächeln.

Esel erzählte und wusste nicht, was er sagte. Er hörte Gaul reden und verstand nichts. Sein ganzes Innenleben war in Unordnung geraten. Jede einzelne Zelle seines Körpers war in Aufruhr. Der Boden unter seinen Füßen schwankte, aber Esel war glücklich. Er nahm nur beiläufig wahr, dass Gaul ihn an die Hand nahm und ihn in den Klostergarten geleitete. Sein Nervensystem war überreizt und schickte Hitzewellen durch seinen Körper. Esel war verrückt geworden.

Katze, die mit Ziege auf einer Bank Platz genommen hatte, murmelte überrascht: „Der alte Esel ist verliebt – in den Mönch!“ Und sie fragte, mehr sich selbst als Ziege: „Können denn alte schwule Männer überhaupt lieben…?“


11
Im Speisesaal goss Hahn fleißig Wein nach. Bruder Rind sprach dem ungewohnten Wein eifrig zu und hatte bald einen Schwips, der ihm die Zunge löste. Die Amtskirche hatte das Kloster schon vor langer Zeit, als Bruder Rind noch Novize in diesem Kloster war, aufgegeben. Sein Unterhalt war den Kirchenoberen zu teuer geworden. Die Mönche verließen nach und nach das Kloster, das bald auch nicht mehr bewirtschaftet wurde. Nur zwei Ordensbrüder – Gaul und Rind – weigerten sich, das Kloster zu verlassen. Sie nährten sich von dem, was der Klostergarten hergab, und da sie beide sehr anspruchslos waren, kamen sie zurecht, ohne zu verhungern. Was Rind und Gaul an das Kloster band, erzählte Bruder Rind allerdings nicht, so sehr Hahn auch – bei allem Takt und der gebotenen Zurückhaltung – nachbohrte.

Hahn überließ die Fortsetzung des Gespräches Hund, der sehr animiert über Schuld und Sühne redete. Hahn räumte die geleerten Flaschen weg und sah sich im Kloster um. Er suchte und fand das Archiv in der Klosterbücherei. Er suchte und fand das Kirchenbuch und studierte die Berichte über die Ereignisse im Kloster. Er suchte und fand Einträge über Vorfälle aus dem Klosteralltag. Ihn interessierten im Besonderen die letzten Einträge, die aber auch schon einige Jahrzehnte alt waren. Nach diesen Einträgen brach die Chronik ab. Die letzten Notizen informierten über einen Skandal in diesem Kloster.

Zwei junge Insassen – Bruder Ochs und Bruder Pferd – hatten das Keuschheitsgebot verletzt und somit ihre Unschuld und ihre Reinheit verloren. Schon allein dieser Tatbestand rechtfertigte eine Kirchenstrafe gegen die beiden Übeltäter. Obendrein sündigten sie nicht nur wider das Keuschheitsgebot, nein, sie trieben auch widernatürlich Unzucht miteinander und begegneten einander wie Mann und Frau. Sie wurden aus der Klostergemeinschaft ausgeschlossen und, als die Mönche Zug um Zug das von der Kirche aufgegebene Kloster verließen, in eben dieses Kloster verbannt. Sie sollten mit dem Gemäuer verrotten.

Hahn hatte genug gelesen. Es war offenbar, dass Ochs und Pferd niemand andere waren als Rind und Gaul. Was sollte aus all dem werden? Er fühlte sich verantwortlich für diese Reisegruppe von durchgeknallten Exzentrikern, von denen jeder sein eigenes Päckchen mit sich zu tragen hatte: ein Vögelchen, das aus seinem Nest gefallen war und ein noch kleineres Vögelchen in sich trug, ein Greis, der sich am Ende seines Lebens noch einmal hoffnungslos verliebt hatte in einen lebensuntüchtigen, aus seiner Gemeinschaft herausgefallenen Kleriker, ein Geldprotz, den Skrupel eben wegen seines schier unerschöpflichen Reichtums quälten – tja, und dann noch ein Luftikus und Scharlatan, der seinen eigenen Gesetzen folgte und diese Chaotentruppe nach seinem Willen manipulierte… Was sollte nur aus all dem werden?


12
„Warum leben Sie eigentlich so einsam mit Ihrem Kollegen Gaul?“ fragte Hund neugierig. Rind war diese Frage sichtlich unangenehm; er nahm einen kräftigen Schluck, als müsste er sich Mut antrinken. „Sie brauchen mir darauf nicht zu antworten, verzeihen Sie mir diese indiskrete Frage.“ ruderte Hund prompt zurück. „Nein, nein, ich will es Ihnen erklären. Ich hatte in jungen Jahren gesündigt und trage nun meine Schuld ab“, sagte Gaul mit zitternder Stimme und legte seinen Kopf an Hunds Schulter. Hund war überrascht. Eine solche Intimität hatte Hund nicht erwartet. Er fühlte sich verpflichtet, ebenso offen über sein Motiv für seine Reise zu sprechen. „Meine Existenz war ziemlich gottlos. Ich hatte mir auf Kosten anderer, die mir glaubten, was ich ihnen versprach, riesige Reichtümer verschafft. Das bereue ich nun. Ich will nach Santiago de Compostela pilgern und die Schäden, die ich fremden Menschen zugefügt hatte, wiedergutmachen.“

Rind blickte Hund lange an, drückte ihn an seine Brust und sagte mit schwerer Stimme: „Du bist… bist ein – guter Junge, ein guuuter Junge…“ Er versuchte, Hunds Wange zu tätscheln, der ihm aber mit einer geschickten Bewegung auswich. Hund war enttäuscht. Er hatte auf ein seelsorgerisches Gespräch gehofft, aber dieser Bruder Rind war inzwischen sternhagelvoll. „Deine Schuld“, lallte Rind, „deine Schuld ist doch soooo … winzig , es ist doch nur… nur Geld….Papier und Blech… nur Schuldengeld … Schuld… Schuld…!“ „Was kann denn noch schlimmer sein als Menschen um ihren Lebensunterhalt zu bringen?“ empörte sich Hund. „…Schlimmer sein?“ wiederholte Rind, und seine Stimme wurde zu einem Raunen. „ich habe wider die Natur gesündigt... Ich habe gefehlt... Ich habe Unzucht… mit einem Mann!“

Da lachte Hund herzhaft auf. „Du liebe Güte, Bruder Rind, nur weil du homosexuell veranlagt bist, bist du noch kein Sünder! Wenn Gott keine Homosexuellen wollte, dann hätte er sie erst gar nicht zugelassen. In Gottes Garten ist auch Platz für dich!“ Bruder Rind weinte nun an Hunds Schulter. „Nimm mich mit nach Santiago de Compostela! Nimm mich mit!“


13
Als Ziege am nächsten Morgen ins Kloster kam, lagen Gaul und Esel eng verschlungen auf der Bank in tiefem Schlaf. Sie schliefen einen Rausch besonderer Art aus; ein Cocktail aus Glückshormonen hatte sie benebelt. Im Haus lagen Rind und Hund auf den Tischen und badeten unfreiwillig in Weinpfützen. Auch sie waren noch nicht nüchtern und ansprechbar.. „Männergesellschaft!“ dachte Ziege, „so unbekümmert um die Zukunft lebt keine Frau in den Tag hinein.“ Ziege hielt sich nicht lange mit der Betrachtung der vier Schläfer auf und ging zur Zelle, die Katze bewohnte. Sie traf ihren Schützling an im Gespräch mit Hahn.

Hahn hatte Neuigkeiten. Auf nur ihm bekannten verschlungenen Pfaden hatte Hahn erfahren, dass das Jugendamt sie ausfindig gemacht hatte und noch heute vorstellig werden sollte. „Ich geh‘ nicht ins Heim und ich geb‘ mein Kind nicht her, eher bring‘ ich mich um!“zischte Katze kampfbereit. „Nana“, tadelte Ziege, „mach‘ keinen Unsinn und tu‘ nichts Unüberlegtes.“ „Ich fürchte, wir müssen doch auf den Plan B zurückgreifen“, meinte Hahn nachdenklich. Er wusste, dass er einen hohen Preis zahlen musste und Ziege ebenso.

„Plan B? Was ist das?“ fragte Katze. „Wir spielen glückliche Familie. Wir ziehen zusammen und nehmen dich als Pflegekind an“, erklärte Ziege. „Das ist doch prima“, rief Katze. Sie stutzte, weil sie die fehlende Begeisterung für diesen so schönen Plan vermisste. „Stimmt etwas nicht? Stehe ich euch im Weg? Bin ich für euch überflüssiges Gepäck? Ich haue ab, ich werd‘ schon was finden!“ Sie sprang auf, so schnell es ihr möglich war und wollte durch die Tür schlüpfen.

Aber die beiden Erwachsenen hielten sie fest. „Sieh das Ganze mal durch unsere Brille, Katze. Schau, wir drei kennen uns erst seit ganz kurzer Zeit. Wir kennen unsere Macken nicht, wir kennen nicht unsere Lebenspläne. Wir wissen nicht unsere Vorlieben und nicht unsere Abneigungen. Wir wissen nichts voneinander und sollen mit einem – nein, zwei Kindern glücklich zusammenleben. Das wird nicht so einfach.“ „Es wird nicht immer schön sein, und wir werden uns sicher auch streiten – auch mit dir, wenn es notwendig sein sollte. Denn wir werden uns nicht alles von dir gefallen lassen. Bist du bereit, diesen schweren Weg mit uns zu gehen?“


14
Die Luft roch brandig. Man lachte wieder im Gleichschritt. Die Schnäpse brannten in den Kehlen. Der Wirt hetzte und schürte: „Wir wollen keine schwulen Pfaffen hier! Zigeuner haben hier nichts zu suchen!“ Die Zecher suchten schon nach Knüppeln und Holzscheiten. Die Dämmerung kam herein, da ließen sie ihre Hände vom Thekengriff und zogen los.

Im Kloster durchlitt Katze die Wehen, die in immer kürzeren Abständen kamen. „Esel“, rief Ziege, „Esel, bring‘ mir die Schüssel mit heißem Wasser!“ Esel war der zuverlässigste von Allen. Die anderen Männer, ob Mönch, ob Reisender, standen im Klosterhof und lauschten dem Schreien der jungen Frau in ihren Wehen. Da schrie auch Gaul auf: „Achtung! Der Mob kommt!“ Von allen Seiten kamen Männer über die Mauer und rückten gegen die Klosterinsassen vor. Schon fielen die ersten Hiebe.

Da kam ein entsetzlicher, durch Mark und Stein gehender langgezogener Schrei. Die Männer im Hof hatten so etwas noch nie gehört; sie hielten rat- und planlos inne. Da! – die Tür wurde von innen aufgerissen, Esel kam heraus, streckte seine Arme zum Himmel und rief:

„Es ist – ein Mädchen!“

„Ein Mädchen! Es ist ein Mädchen“, riefen die Männer im Hof einander zu. Und es klang es aus allen Mündern: „Es ist ein Mädchen!“ Die Knüppel fielen aus den Händen und die Männer einander in die Arme. „Es ist ein Mädchen!“ „Das muss gefeiert werden“, rief Hahn geistesgegenwärtig, „Freibier für alle!“ und er schickte ein paar junge Burschen mit einem Bollerwagen zum Gasthof, um Bier zu holen. Der Gastwirt ging mit, denn er fürchtete um seine Bestände. „Und wer ist nun der Vater?“ fragte einer. „Dieses Kind hat drei Väter!“ klang es aus der Menge. Katze war erschöpft und betrachtete glücklich das kleine schokoladenbraune Menschenkind auf ihrem Bauch.









Nachwort

Vor 200 Jahren erschien erstmals das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten in einer Märchensammlung. Die Gebrüder Grimm hatten sich diese Geschichten bei ihren Reisen durch Mitteldeutschland erzählen lassen und sie aufgezeichnet. Diese Geschichten spiegeln die Lebenswelt der Landbevölkerung wider. Aber es ist ein Zerrspiegel. Die Brüder Grimm hatten nicht alles und nicht wortgetreu aufgeschrieben. Sie hatten eine Auswahl getroffen und auch nicht jeden, der ihnen begegnete, befragt. Die Geschichten stammen aus einem bürgerlichen Umfeld, in dem sie sich bewegten, und transportieren die Werte und Weltsichten des Bürgertums. Die Menschen/Tiere meistern durch Gewitztheit und Gewandtheit schwierige Probleme. Der Grundton der Märchen ist optimistisch und positiv. Schließlich ist „jeder seines Glückes Schmied“.

In vielen dieser „Mär-chen“, dieser kleinen Geschichten, handeln Tiere wie Menschen und sind ihnen gleichgestellt, so etwa in: „Der gestiefelte Kater“, Der Froschkönig“, „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Eines aber unterscheidet die Bremer Stadtmusikanten von allen anderen Märchen. Hier, und nur hier, wird ein konkreter, real existierender Ort erwähnt: Bremen.

Esel, Hund, Katze und Hahn stehen für die Dienstboten, Knechte, Mägde und Handlanger. Wenn sie alt oder krank wurden, war dies eine existenzielle Bedrohung. Es gab ja keine Sozialversicherung und für gewöhnlich entließen die Herrschaften ihr Gesinde, wenn es keine Leistung mehr erbrachte und die Kosten ihren Unterhalt ihre Wertschöpfung überstiegen. Die Ausgangslage des Märchens war für die Hörer der Erzählung bittere Realität. Da war die Auswanderung nach Amerika eine mögliche Lösung und Bremerhaven war ein Knotenpunkt für deutsche Emigranten. Allerdings war dies keine Möglichkeit für Alte und Kranke und für Mittellose. Hier wurde den Hörern eine Fiktion als Ausweg vorgegaukelt. Und tatsächlich erreichten die Tiere im Grimmschen Märchen ihr Ziel Amerika nie.

Die Emigranten fanden ihr Zuhause, indem sie ein Räuberhaus besetzten. Das war nun sehr real. Obdachlose, Deserteure, kriegsuntaugliche entlassene Veteranen, fortgejagte Knechte und Mägde waren nach den Wirren der französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen orientierungslos. Die alte gesellschaftliche Ordnung zerfiel, die neue hatte sich noch nicht etabliert. Die „Outlaws“ waren quasi „von Berufs wegen“ Räuber, fanden sich zu Raubzügen zusammen und terrorisierten nicht nur die besitzende Bevölkerung. Schinderhannes, der bekannteste Räuber seiner Zeit, wurde 18 Jahre vor der Herausgabe der Grimmschen Märchen vor 30.000 Zuschauern hingerichtet. Grimms Zeitgenossen hatten schon klare Vorstellungen von einem Räuberhaus. Uns befremdet der Gedanke an ein Räuberhaus irgendwo im Wald.

Räuber standen außerhalb der bürgerlichen Ordnung, und so war es kein Problem für die Erzähler des Märchens, dass sich die vier Emigranten ihr neues Zuhause durch Vertreibung und einen Überfall aneigneten. Esel, Hund, Katze und Hahn machten sich nach unserem Rechtsverständnis zum mindesten der Körperverletzung, des Hausfriedensbruchs, des Raubs schuldig – aber es traf ja nur rechtlose Räuber…

Und wie ist es heute? Sind Emigranten bei uns willkommen? Oder vielleicht nur einige? Oder verdrängen die Einwanderer die Urbevölkerung? Oder verschmelzen sie miteinander?

Auch heute fließen Emigrantenströme rund um den Erdball. Auch Deutschland war ein Land, aus dem Menschen massenweise auswanderten und ihr Glück woanders suchten. Heute ist Deutschland mal wieder ein Einwanderungsland. Da prallen viele extreme Lebensentwürfe und Kulturen aufeinander. Wie gehen wir damit um?

In meiner Version des Märchens ging es mir um die Beziehungen der vier Protagonisten untereinander und zur Umwelt. Wie ticken Menschen, die alles hinter sich lassen und das Wagnis eines neuen Lebens eingehen? Wer gibt ihnen Orientierung? Wer setzt die Maßstäbe für das, was wir als richtig oder falsch empfinden?

Suchen wir Antworte

Rieke





Die Bremer Stadtmusikanten

In der Version der Gebrüder Grimm


Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so dass er zur Arbeit immer untauglicher wurde. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen; aber der Esel merkte, dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen; dort, meinte er, könnte er ja Stadt Musikant werden.
Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. "Nun, was jappst du so, Packan?" fragte der Esel. "Ach", sagte der Hund, "weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fortkann, hat mich mein Herr wollen totschlagen, da hab' ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?" - "Weißt du was", sprach der Esel, "ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh' mit und lass' dich auch bei der Musik annehmen. ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauke. Der Hund war's zufrieden, und sie gingen weiter.
Es dauerte nicht lange, so saß eine Katze am Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. "Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?" fragte der Esel. - "Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht?" antwortete die Katze. "Weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herumjage, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht aber nun ist guter Rat teuer; wo soll ich hin?" - "Geh' mit uns nach Bremen; du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden" Die Katze hielt das für gut und ging mit.
Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hofe vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften "Du schreist einem durch Mark und Bein", sprach der Esel, "was hast du vor?" - "Da hab' ich gut Wetter prophezeit", sprach der Hahn, "weil Unserer Lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heute abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei' ich aus vollem Halse, solang ich noch kann." "Ei, was, du Rotkopf", sagte der Esel, "zieh' lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben." Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle viere zusammen fort.
Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um; da deuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müsste nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel:
"So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht." Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern, und es ward immer größer, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. "Was siehst du, Grauschimmel?' fragte der Hahn. - "Was ich sehe?" antwortete der Esel; ,,einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen sich's wohl sein." - "Das wäre was für uns", sprach der Hahn. "Ja, ja, ach, wären wir da!" sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müssten, um die Räuber hinauszujagen, und fanden endlich ein Mittel. Der Esel musste sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte; dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, dass die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht anders, als ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übrig geblieben war, und aßen, als wenn sie vier Wochen hungern sollten.
Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd bei der warmen Asche, und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken; und weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, dass kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: ,,Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen", und hieß einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, dass es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertür hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihn ins Bein; und als er über den Hof an dem Miste vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab "kikeriki" Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: "Ach in dem Hause Sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mir mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt. Und vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen, und auf dem Hofe liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen; und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief: bringt mir den Schelm her! Da machte ich, dass ich fortkam." Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus; den vier Bremer Stadtmusikanten gefiel's aber so wohl darin, dass sie nicht wieder heraus wollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.

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